Freitag, 9. Dezember 2011

9. Dezember - vom Alter(n)

Für Oma`s und Tanten

und für all die Menschen, die nicht be-greifen wollen.




Was sehen sie, Schwester, wenn sie mich angucken, und was denken sie? „Eine knöchrige Alte“ mit abwesendem Blick, nicht mehr ganz zurechnungsfähig, die sich nicht zu benehmen weiß und kleckert und nicht antwortet, wenn sie mit ihrer lauten Stimme sagen, sie solle sich doch wenigstens ein bisschen Mühe geben, die nicht zu beachten scheint, was sie machen, die mal hier einen Strumpf verliert und da einen Schuh, und die trotz aller Ermahnungen nicht mithilft, wenn sie gebadet oder gefüttert wird.
Wenn sie das, Schwester, sehen und denken, dann liegen sie falsch.
Das bin ich nicht, die da so still sitzt, und die auf ihr Geheiß aufsteht und isst.
Machen sie die Augen auf, ich sage ihnen ,wer ich bin:

Ich bin ein Kind von 10 mit einem Vater und einer Mutter und Brüdern uns Schwestern, die einander lieben.
Ein junges Mädchen von 16 mit Flügeln an den Füssen, die davon träumt, bald ihre wahre Liebe zu treffen. 
Eine Braut von 20  mein Herz springt vor Freude, wenn ich an die Gelübde denke, die ich zu halten versprach.
Mit 25 habe ich dann eigene Kinder, für die ich ein sicheres, glückliches Heim baue. Eine Frau von 30, meine Kinder wachsen schnell, miteinander durch treue Bande verbunden.
Mit 40 bin ich, meine Söhne sind weg, aber an meiner Seite steht mein Mann und unterstützt mich.
Mit 50 habe ich wieder spielende Kinder um mich. Wir haben Enkel, mein Liebster und ich.
Dann kommen dunkle Tage, mein Mann stirbt, ich schaue mit Angst in die Zukunft, denn meine Kinder sind dabei, ihr eigenes Heim zu bauen. Ich denke an die Jahre und die Liebe, die ich erfahren habe.
Ich bin jetzt eine alte Frau, die Natur ist sehr grausam. Sie hat sich ausgedacht, Alte wie  N A R R E N  erscheinen zu lassen.
Der Körper zerfällt, Anmut und Stärke schwinden, wo einst ein Herz war, ist jetzt ein Stein.
Aber in diesem alten Gerüst wohnt ein noch junges Mädchen, und hin und wieder schwillt mein geschundenes Herz.
Ich denke an die Freude zurück und den Schmerz, und ich liebe und lebe das Leben noch mal, und erinnere die Jahre, viel zu wenig und viel zu schnell vergangen und nehme die bittere Tatsache an, dass nichts bleibt. 

So machen sie die Augen auf, SCHWESTER und sehen sie nicht eine alte kratzbürstige Frau, sehen sie mich !!!



Kommentare:

  1. Oh Nora, mir stehen die Tränen in den Augen. Es ist sehr ergreifend! Ich kann dir gar nicht oft genug danken für diesen tollen Kalender! Schade, dass in 15 Tagen alles vorbei ist.

    Hab ein wunderbares Wochenende!

    Liebe Grüße

    Binele

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  2. sehr berührend und sooooooooooooo wahr!!!!!! DANKE für diesen wunderbaren Kalender!!!!!!!!!!

    Schönes 3. Adventwochenende!

    glg Eva

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  3. Liebe Nora,

    das ist eine schöne und nachdenkliche Geschichte.

    Vielen Dank für´s Teilen.

    Alles Liebe

    Amalie

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  4. Liebe Nora,
    mein ältester Sohn hat fast 4 Jahre lang in einem Pflegeheim für "alte Menschen" gearbeitet, da hat er oft solche Geschichten, wie die Deine erzählt...
    Liebe Grüsse
    Susann

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  5. ...und trotzdem ist es nicht einfach, das Leben mit unseren Lieben, die "in einer anderen Welt" leben...
    Mein Schwiegervater hatte Alzheimer. Und mit ansehen zu müssen, wie unser lieber Vati uns immer mehr verließ und alle Phasen dieser schrecklichen Krankheit durchlebte, war grausam. Besonders gelitten hat meine Schwiegermutter, die es einfach nicht verstand, weshalb er sie nicht mehr wahr genommen hat. Stattdessen hielt er die Hand einer anderen Bewohnerin des Pflegeheims. Das war bitter für sie! Sie gab die Hoffnung nie auf, dass er irgendwann wieder klar denken kann und "normal" wird...

    Liebe Nora, man kann solche Berichte, wie deinen hier, gar nicht oft genug veröffentlichen, da in dieser hektischen Welt kaum jemand noch die Zeit hat, sich diesen Menschen mit Ruhe und Verständnis zu widmen. Und das ist schlimm! Dabei sollte es eigentlich möglich - wenn nicht sogar selbstverständlich sein.
    Danke für deine tiefgründigen Geschichten jeden Tag! Eine sehr gute Idee für einen Adventskalender.

    Liebe Grüße, Karina

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  6. Liebste Nora,

    eigentlich wollte ich nur mal so vorbei schauen. Nun sitze ich hier, heule Rotz und Wasser und bin sooo gerührt. Wie mag es bei uns aussehen, wenn wir alte Frauen sind. Und ich meine richtig alt!

    Wo bekommst du nur immer diese wunderbaren Geschichten her.

    Ich freue mich schon auf morgen früh. Dann werde ich mir aber vorsichtshalber eine Packung Taschentücher dazu legen.

    Ganz "herzliche" Grüße
    Claudia

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  7. Liebste Nora,
    Du und Deine Geschichten Ihr seid einfach nur wunderbar.... Du berührst meine Seele...
    Danke Patricia

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  8. So ist es leider oft...
    Liebe Grüße,
    Markus

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  9. Liebste Nora,

    herzergreifen! Mir geht es so oft so wenn ich alte Menschen sehe dass ich mir denke "der Mensch hatte auch mal Eltern, eine Familie und wurde im besten Fall geliebt. Wie schlimm muss es sein immer einsamer zu werden und Menschen zu verlieren die einmal das ganze Leben ausgemacht haben", seufz ... schwere Gedanken aber immer ein Anreiz das Leben JETZT zu genießen und das Beste rauszuholen.

    Alles Liebe
    Deine Mimi

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  10. Dankeschön - wir vergessen zu oft, dass jeder Mensch den gleichen Weg vor bzw. hinter sich hat. Wir lernen Menschen kennen und sehen sie nur als das, was sie in diesem Moment sind! Liebe, Aufmerksamkeit und Respekt trotz allen Umständen sind so wichtig! Einen schönen Tag und liebe Grüße, Simone

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  11. Liebe Nora,

    das berührt uns alle.

    In Liebe
    Elisabeth

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  12. Wie berührend diese Geschichte ist meine Liebe,ich werde sie ausdrucken und auf meiner Station aufhängen.Der Alltag ist halt nicht immer leicht,ich stoße auch manchmal an meine Grenzen mit Demenzkranken..Ich schicke dir ganz liebe Grüße,ich vermisse dich!Edith.

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  13. Liebe Nora,
    vielen Dank für diese Geschichte, die ja gar keine Geschichte ist. Sie macht sehr nachdenklich... und das ist gut so. Wer weiß, wo wir im Alter noch alle landen??
    So, jetzt muß ich erstmal Taschentücher holen.
    Einen schönen 3. Advent von der treuen Leserin
    Sabine

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  14. Liebe Nora,
    alte Menschen haben sooo viel übers Leben zu erzählen...ich höre ihnen sehr gerne zu....
    Von ihnen habe ich gelernt, EINE SEELE KENNT KEIN ALTER!! Sie fühlt immer gleich ... Liebe, Schmerz ,Einsamkeit, Hoffnung, Trauer,Freude..all diese Gefühle bleiben einem Menschen ein Leben lang. Sie verändern sich nie.
    Man muss durch die Körper ,in die Seelen der Menschen schauen (egal welchen Alters)...Denn nur so, kann man erfahren, was LEBEN ist...
    Liebe Grüße
    Sonja

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  15. der brief ist so berührend... vielen dank, dass du ihn mit uns teilst!

    ich finde es so schade, wie in unserer gesellschaft teilweise mit unseren eltern und großeltern umgegangen wird.

    für mich persönlich ist es eine der schlimmsten vorstellungen, im alter irgendwo alleine in einem gang hocken zu müssen und das highlight des tages ist es, wenn die schwester zum windelwechseln kommt :(

    ich würde mir wünschen, dass die familie wieder viiiieeeel mehr an wert erfährt...

    liebe grüße und nochmal danke für deine schönen geschichten und briefe jeden tag :)

    salma.

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  16. Dieser Brief geht ans Herz, und bringt einem in Sekundenschnelle vor Augen was man in der Alltagshektik oft zu vergessen neigt.
    Wie schnell werden wir alle auch in diesem Lebensalter sein...
    danke für den Denkanstoß!
    LG Tanja

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  17. Liebe Nora,
    leider ist das oft genau so.
    Aber wenn es nicht jeder als gegeben hinnimmt sondern etwas dageben oder für diese alten Menschen tut, dann könnte es geändert werden.
    Meine beiden Großen gehen hier regelmäßig mit anderen Kindern ins Pflegeheim und sagen Gedichte auf, lesen, singen oder spielen Flöte vor.
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
    LG Tanja

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  18. Was für ein Brief! danke Nora für solch einen nachdenklich stimmenden Post! GLG und ein schönes WE! Simone

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  19. Diese Worte treffen es so auf den Punkt! Wie oft geht es mir heute schon so, mit fast 50, dass ich noch das junge Mädchen in mir fühle. Warum sollte das im hohen Alter nicht mehr so sein? Ich wünschte mir viel mehr Achtung voreinander, miteinander und Weisheit, dass wenn wir alt werden, wir im gleichen Boot sitzen.
    LG von
    Claudia

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  20. Hallo NOra, also ich finde die Geschichte gar nicht soooo traurig. Schließlich muss man bedenken, dass die alte Dame ja all dieses erlebt hat, was wir jetzt gerade erleben, all die Freuden und schönen Erlebnisse, die traurigen natürlich auch. Wir haben vieles von dem ja noch vor uns.
    Lieben Gruß
    Ursel

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  21. Hallo du liebeligste nora,

    ich bin wieder daha!! Hab die letzte Zeit nur sporadisch hier und bei FB reinschauen können, in Gedanken war ich aber oft bei dir und deinen Lieben und schickte dir oft liebe Gedanken auch noch als Danke für deine Mail!
    Ich spring jetzt los zum letzten Termin für diese Woche und widme mich dann heut Abend dem kompletten Post - hab erstmal nur einen "halben" eingestellt... ;o)
    Lass dich sooo lieb drücken!
    Bis nachher.
    Liebeligst.Lilli

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  22. Dieser Brief geht mir echt ans Herz!Wie schnell wir Menschen einfach über andere urteilen,ist manchmal schwer zu ertragen!Und das geht ja nicht nur alten Menschen so.Ich selber habe ein handycap und erlebe so etwas am eigenen leib,wie schnell über einen geurteilt wird.Jeder kann mal in so eine situation kommen,das sollten wir nie vergessen!
    Ganz liebe grüße von Inga

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  23. Liebe Nora,
    ich arbeite ja als Aktivierungstherapeutin mit Demenzkranken und weiß, wie wahr diese Text ist. Und wie wichtig es ist, das wir uns in diese Welt der Kranken hinein begeben. Das Beste, ich mache so viel postive Erlebnisse dabei!
    Alles Liebe und viele GRüße
    Sabine

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  24. Liebe Nora,
    eine Geschichte die sehr nachdenklich macht und mich sehr berührt!
    Danke für Deinen besonderen Adventskalender.
    Hab einen schönen 3.Advent
    Liebe Grüße
    Meggy

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  25. So demenzkrank kann diese Dame ja nicht gewesens ein, denn sie sagt es so wie es ist!
    Überhaupt ist man heutzutage mit dem Begriff Alzheimer oder Demenz viel zu schnell bei der Hand. Es erscheint mir oftmals - da ich ja auch eine alte, allerdings keineswegs demente Mutter habe, so, als erhebten sich jüngere Leute über die Älteren, nur weil diese ein wenig langsamer und etwas vergesslicher sind.
    Dabei - welcher jüngere Mensch ist nicht schon auch vergesslich? Bei der Datenflut von heute schon gar!

    Ganz herzlich und danke!
    Sara

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  26. liebe nora - gut so - danke!
    viele liebe herzensgrüße zum 3.advent -
    barbara

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Schön, dass du da bist!

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